Andreas Trampe ist seit 1999 Ressortleiter der STERN
Bildredaktion. Von 1996 bis 1999 war er dort bereits drei Jahre stellvertretender
Ressortleiter. Von 1991 bis 1996 war er Fotochef bei Bild am
Sonntag, zuvor selbst aktiv als Freier Fotograf.
Wir fragten u.a. nach den Merkmalen herausragender Fotos, nach der Bedeutung von Prints im Zeitalter der digitalen Fotografie, den Perspektiven für professionelle Fotografen, nach dem Preisverfall und der Strukturkrise im Bildermarkt und natürlich auch nach dem Stellenwert des Keywording.
Die Fragen stellte Bernd Wohlert.
Wozu brauchen wir Fotos?
Andreas Trampe: Es
ist eigentlich simpel. Fotos transportieren Informationen in Sekundenschnelle.
Sie funktionieren global, das heißt es ist die einzige Sprache, die um den
ganzen Erdball herum gesprochen und verstanden wird. So kann man
Sachzusammenhänge extrem schnell erfassen - innerhalb von Sekunden. Und: nichts
ist so emotional und so schnell wie ein gutes Bild.
Die französische Illustrierte „Paris Match“ startete 1949
mit der Devise: „Das Gewicht der Wörter und der Schock der Fotos“. Stimmt das
auch für Sie?
Es ist natürlich marketingmäßig sehr zugespitzt. Im
Fotojournalismus ist es so, das man Geschichten schnell erzählen, Sachverhalte
auf den Punkt bringen, Emotionen vermitteln will.
Wenn man dann global aufgestellt ist wie der Stern, und z.B.
mit einem Fotografen aus Thailand
oder Brasilien produziert, der nicht in Deutschland
sozialisiert wurde, dann ist es immer wieder schön, zu sehen wie universell
Bilder funktionieren. Ein gutes Foto schafft im Gegensatz zum Film auch
noch etwas Bleibendes, weil es die Zeit anhält, denn gute
Fotos sind in der Lage, die Geschichte einzufrieren.
Welche Merkmale hat ein derart herausragendes Foto?
Ein herausragendes Foto, ein gutes Foto reduziert komplexe
Realitäten, Ereignisse oft nur auf ganz winzige Bruchteile. Es macht sich frei
davon, alles erzählen zu wollen, es erzählt nur einen bestimmten Teil einer
Geschichte, es ist immer emotional. Es erzeugt Mitleid, Empathie,
Schadenfreude, Glück. Es sind immer bestimmte Gefühle, die man damit verknüpft.
Es gibt
natürlich auch Feature Fotos, die zu Ikonen der Bildsprache
werden, obwohl sie im klassischen Verständnis geringe Relevanz haben. Das Foto
von Robert Doisneau mit dem küssenden
Liebespaar ist so ein Feature Foto, das über Jahrzehnte
funktioniert. Die Emotion steht klar im Vordergrund, und ist in diesem Beispiel
die eigentliche Nachricht.
Bei Nachrichtenfotos dagegen ist der Zeitwert weit
niedriger, außer bei Ikonen der Nachrichtenfotografie. Diese Fotos müssen
extrem wichtige Ereignisse aufgreifen wie den
Napalm-Angriff in Vietnam oder das Zusammenstürzen des World
Trade Centers in New York.
Auch hier gilt: Je stärker die Emotionen im Vordergrund
stehen, umso länger kann das Foto überleben.
Das berühmte Foto von Robert Doisneau war gestellt, entstand
im Rahmen einer Auftragsarbeit. Wie gehen Sie mit dem Problem der Objektivität
im Bildjournalismus um?
Fotos sind oft gestellt. Oft allein schon dadurch, dass der
Fotograf selber die Szenerie verändert. Aber das ist noch keine Manipulation.
Eine Familie, die in einem Krankenhausflur sitzt, sitzt dort anders, wenn sie
fotografiert wird als wenn sie nicht fotografiert wird.
Leute, die eitel sind, gucken anders auf Fotos oder fahren
sich noch mal durchs Haar, streichen sich den Rock oder die Hose noch mal zu
recht. Simple Kleinigkeiten.
Ich finde, die Manipulation fängt dann an, wenn Szenen extra
inszeniert werden. Also, wenn die Familie niemals auf dem Krankenhausflur
gesessen hätte, wenn die Frau sich einen anderen Rock anzieht, weil er besser
aussieht als der, den sie anhatte. Das geht bei inszenierten Portraits, aber
nicht im Photojournalismus.
Wenn Realität massiv verändert wird, um bestimmte
Aussagen zu generieren, dann beginnt die Manipulation. Oft liegt gar keine
verwerfliche Absicht vor – aber hier gilt: „Wehret den Anfängen“.
Gibt es ein Tabu für ein Motiv? Fotos, die Sie als nicht
zeigbar einstufen?
Ja, wir zeigen z.B. nie Fotos, die extreme Gewalt zeigen,
wenn dies nicht nötig ist.
Es ist nicht unsere Aufgabe die Leser zu schockieren.
Was können Printmedien, gerade wenn es um Bilder geht,
besser oder schlechter leisten als Online-Medien?
Praktisch gesehen können sie das Gleiche. Faktisch ist es
aber nicht das Gleiche, ob ich ein Heft als Print lese oder Online. Das liegt
an der Entwicklung der online Medien, wie sie wahrgenommen und wozu sie benutzt
werden.
Online-Medien sind grundsätzlich schnell und hektisch. In
den speziellen Formaten Nachrichtenjournalismus und Reportage ist ein online
Auftritt oder ein online Produkt immer hektischer, es wird schneller
aktualisiert.
Stern Online wird anders genutzt als der Print Stern. Die
Printmedien sind immer eher ausgeruht
und haben eine entschleunigende Funktion.
Dokfünf hat 2010 einen Fotowettbewerb veranstaltet. Die
Juroren konnten alle Fotos am Monitor anschauen und als Print. Welche Rolle spielen
Prints beim Stern?
Wir sind ein hochdigitalisierter
Berufszweig geworden. Prints spielen kaum noch eine wesentliche Rolle. Der
Stern bekommt pro Woche ca. 100.000 Bilder. An ereignisreichen Tagen sind es
22.000
bis 23.000 Bilder.
Natürlich
können wir die nicht alle ausdrucken, um eine Auswahl zu machen, aber wenn wir
eine große Farbe komponieren, dann layouten wir dreißig, vierzig Doppelseiten,
drucken
sie aus und machen das „Last Edit“
auf gedrucktem Papier.
Wenn es sich um kleine Stücke handelt, um 3 Seiten zum
Beispiel, dann machen wir das am Schirm, dann drucken wir nichts aus.
Aber wenn
wir sechs oder acht Doppelseiten für das Heft planen, dann kommt es auch auf
die Reihenfolge an: kommt erst die Vogelperspektive, die Übersicht oder die
Nahaufnahme eines Menschen usw. Die Komposition der Geschichte muss ja auch
entschieden werden. Das kann man lösen,
wenn man die Bilder so hinlegt, wie der Leser sie auch blättern würden.
Fotografieren im digitalen Zeitalter kann jeder, heißt es.
Wie sehen Sie die Zukunft der Profifotografen im Vergleich zu den Amateuren?
Ja, es kann jeder fotografieren und es kann auch jeder ganz
gut fotografieren, denn er kann ja immer hinterher leicht prüfen, wie das
digitale Foto geworden ist. Und oft kann er es einfach wiederholen.
Der Profifotograf wird aber deshalb nicht aussterben, er
wird nach wie vor gebraucht, denn er
fotografiert wesentlich besser als jeder Amateur.
Wenn ich einen
Profifotografen und den Amateur für eine Geschichte vier Tage nach Rajasthan schicke,
dann wird der Profifotograf eine durchkomponierte Bildstrecke mitbringen, die
eine Geschichte erzählt. Der Amateur wird nur in Teilbereichen gute Ergebnisse
erzielen, die häufig auf Zufall beruhen.
Ein Problem für den Profifotografen heute ist eher, dass es
nicht genug Kunden gibt, die diese Art von hochwertiger Fotografie nutzen. Der
professionelle Reportagefotograf wird deshalb nicht aussterben, aber es wird
immer härter für ihn, ein geregeltes Einkommen zu erzielen.
Welchen Stellenwert haben für Sie Street Photography & Story
Telling?
Story Telling ist sehr wichtig. Der Fotograf überlegt
vorher, was für eine Geschichte er erzählen will.
Er entwickelt dafür ein Konzept, das er im Kopf hat. Er
klopft als allererstes theoretisch ab, ob es überhaupt möglich ist, diese
Bilder machen zu können und überlässt nur den Rest dem Zufall.
Er braucht Erfahrung für die Umsetzung, das ist solides
Handwerk, konzentrierte Arbeit.
Street Photography ist normalerweise nicht
journalistisch, weil der Fotograf die Ergebnisse dem Zufall überlässt. Das kann
ganz wunderbar sein, aber auch belanglos. Im Journalismus geht es nicht
um schöne Bilder, sondern vor allem um Geschichten.
Früher haben Bilder einen Text begleitet und illustriert & heute begleiten Texte eher die Fotos. Wie sehen Sie das?
Ich kann Ihnen leider nicht zustimmen. In den meisten
Zeitschriften regiert sozusagen
der schreibende Journalist
und Bilder werden benutzt, das geschriebene Wort zu illustrieren.
Wenige Zeitschriften in Deutschland schaffen es, dass Bilder
die Geschichte vorgeben
und der Text ergänzend dazu gestellt wird.
Gibt es Trends im Markt, die sie begrüßen?
Es gibt eher Trends die ich nicht begrüße. Die Menge der
Bilder explodiert jedes Jahr immer mehr, ohne dass sich die Qualität wesentlich
verbessert. Bei der Recherche führt dies dazu,
dass wir jetzt 250 Agenturen haben, in denen wir online
recherchieren können. Wir werden überschüttet mit Bildern und die Frage ist, ob
„Aufwand und Ertrag“ in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen.
Ist dieses Problem z.B. durch intelligente Verschlagwortung
der Bilder lösbar?
Aus meiner Sicht müssen drei Bedingungen erfüllt sein, damit
ein sehr gutes Bild den Weg in
den Stern findet.
Erstens, brauche ich eine sehr gute
Verschlagwortung, damit ich das Bild überhaupt finde.
Zweitens, brauche ich
eine sehr, sehr gute technische Qualität damit das
Bild sehr gut gedruckt werden kann.
Drittens, ich brauche
ein sehr gutes Motiv, ein richtig
tolles Bild. Doch: Es bleibt das Problem - wenn die gute
Verschlagwortung fehlt, dann
finde ich das Bild gar nicht erst und es wird nie
gedruckt.
Sie stellen also hohe Anforderungen beim Input der Fotos?
Es braucht eine korrigierende Instanz in den Agenturen, die
entscheidet welches Bild genommen
wird und welches nicht. Die richtig großen Bildagenturen
fahren einen knallharten Kurs bei dem,
was sie in ihre Bilddatenbanken aufnehmen.
Was machen die
erfolgreichen Agenturen besser
als die anderen? Wenn man das etwas genauer analysiert, dann ist der erste
Punkt, dass da
Profis arbeiten, die ihren Bildbestand wirklich prüfen, hohe
qualitative Standards setzen, auch was
das Keywording angeht.
Wir haben heute ein Überangebot, zu
viele Bilder, zu viele Lieferanten,
wir haben deshalb auch ein Qualitätsproblem und einen extremen
Preisverfall. Das ist eine Strukturkrise.
Das Produkt Bild ist eigentlich in
vielen Bereichen sehr, sehr preiswert und das wiederum führt dazu, dass noch
mehr Anbieter auf den Markt drängen und ihre Bilder
„quick and dirty“ verschlagworten und bereitstellen und es
über die Masse machen.
Die sagen dann: wir haben halt nicht so ein gutes
Keywording, nicht so eine gute Qualität, aber
wir verkaufen z.B. lieber 1000 Bilder für 12 Euro, als 100
Bilder für 60 Euro.
Und das ist momentan der Trend und das macht einem schon
Sorgen. Das Keywording geht nach Indien, nach Bangladesch, von dort geht es in
die Mongolei? Aber irgendwann ist Schluss mit billig.
Welche Agentur im Bildermarkt ist Ihnen
aufgefallen ?
Plainpicture ist eine sehr kreative, moderne Agentur. Sie
haben gute Bilder. Sie bedienen den Mainstream, ihre Motive gehen aber
zusätzlich zu 10 – 20% in eine ungewöhnliche kreative
Richtung, die sie von anderen Agenturen wohltuend
unterscheidet.
Es ist wie mit dem „gelben Taxi“
in New York.
Ohne das gelbe Taxi geht die NY Geschichte nicht, aber wenn ich
ihnen nur das liefere, dazu den Ground Zero und die Statue of Liberty, dann ist das langweilig:
Sie müssen das
Erwartbare bekommen, aber das Erwartbare auch immer wieder brechen, ergänzen und überraschen - das ist
die hohe Kunst.
Stichwort Kunst. Was interessiert Sie jenseits der
Fotografie?
Ich schätze Malerei. Ich würde mir zuhause keine Fotos
aufhängen, davon habe ich tagsüber genug. Meine Frau malt und sie malt sehr
gut. Gute Malerei hat etwas Zeitloses.
Ein Lieblingsbuch?
Ich muss gestehen, ehrlicherweise nein. Ich komme fast
überhaupt nicht zum Lesen von Büchern, außer im Urlaub. Ich lese sehr viel
Zeitschriften, Zeitungen und bin online.
Im Urlaub klemm ich
alles ab, und lese überhaupt keine Zeitschriften und sehe
kein Fernsehen und hab kein Handy
und hab kein Radio und lese nur Bücher.
Da lese ich meistens
Belletristik, etwas, was mich
entspannt. Ich bin ein großer Fan von John Irving, ich mag
schräge Geschichten.
Könnten Sie ein Sprichwort nennen, das Ihnen besonders
wichtig ist?
„Das Bessere ist der Feind des Guten.“
Wenn Sie jetzt einen Fotoapparat in der Hand hätten, was
wäre Ihr Motiv?
Ich fotografiere immer Menschen - Menschen finde ich immer
am Spannendsten, am liebsten fotografiere ich meine Töchter.